Dünnes Haar: Was wirklich wirkt und was nur Marketing ist
Zwei Wirkstoffe sind gut belegt, beide wirken nur, solange man sie nimmt. Für Rotlicht-Kappen, Biotin und Abos mit KI-Analyse sind die Belege dünn.

Kurz gesagt
- Gegen erblich bedingten Haarausfall sind zwei Wirkstoffe in grossen randomisierten Studien belegt: Minoxidil zum Auftragen und, nur für Männer, Finasterid als Tablette.
- Beide wirken nur, solange man sie anwendet, und keines bezahlt die Grundversicherung. Zu Finasterid erschien im November 2025 in Abstimmung mit Swissmedic ein Warnhinweis zu Suizidgedanken.
- Rotlicht-Kappen, Biotin und Abos mit KI-Analyse stützen sich auf schwache oder gar keine Daten.
Fast jede fünfte illegale Arzneimittelsendung, die der Zoll 2025 an der Schweizer Grenze abfing, enthielt ein Mittel gegen Haarausfall. Das meldet Swissmedic. 2024 lag der Anteil bei 4 Prozent, 2023 bei 2 Prozent. Insgesamt stellte der Zoll 6’647 illegale Sendungen fest. Die Nachfrage wächst, und mit ihr ein Markt aus Kappen, Kapseln, Seren und Apps. Belegt ist davon wenig.
Erst die Ursache, dann das Mittel
Dünner werdendes Haar hat viele Gründe. Die häufigste Form ist der erblich bedingte Haarausfall, die androgenetische Alopezie. Bei Männern weicht der Haaransatz zurück und der Scheitel lichtet sich, bei Frauen wird das Haar am Scheitel diffus dünner. Haare fallen aber auch nach Krankheit, Stress, starkem Gewichtsverlust oder bei Eisenmangel aus, oft vorübergehend. Die Dermatologin Myriam Wyss Fopp, die seit fast 30 Jahren Haarausfall behandelt, rät deshalb im Februar 2026 im SRF davon ab, Haarausfall auf eigene Faust zu behandeln, und mahnt zu besonderer Vorsicht bei Bestellungen im Ausland. Erst die Abklärung zeigt, welches Mittel überhaupt infrage kommt.
Minoxidil: belegt, aber nur auf Dauer
Minoxidil war ursprünglich ein Blutdruckmittel. Als Lösung oder Schaum auf der Kopfhaut lässt es Haare länger wachsen. In einer randomisierten Studie mit 393 Männern über 48 Wochen wuchs mit der 5-Prozent-Lösung 45 Prozent mehr Haar nach als mit der 2-Prozent-Lösung. Bei Männern zählten Forschende mit dem 5-Prozent-Schaum nach 16 Wochen im Mittel 21 zusätzliche Haare pro Quadratzentimeter, unter Placebo 4.
Für Frauen hat die Cochrane Collaboration 47 Studien mit 5’290 Teilnehmerinnen ausgewertet. Unter Minoxidil berichteten 26 von 100 Frauen von mässigem bis deutlichem Nachwachsen, unter Placebo 14 von 100. Zwischen 2 und 5 Prozent fand sich bei Frauen kein klarer Unterschied.
Geduld gehört dazu. Laut Fachinformation sind zwei bis vier Monate Anwendung nötig, bevor sich etwas zeigt. Zwei bis sechs Wochen nach Beginn können vorübergehend sogar mehr Haare ausfallen. Wer aufhört, verliert den Effekt wieder. Häufige Nebenwirkungen sind Juckreiz und gereizte Kopfhaut. Bei Männern wachsen seltener Haare an unerwünschten Stellen, bei Frauen kommt Haarwuchs im Gesicht häufiger vor.
In der Schweiz ist Minoxidil zum Auftragen in Apotheken und Drogerien ohne Rezept erhältlich (Abgabekategorie D). Die 5-Prozent-Lösung ist für Männer gedacht, Frauen erhalten sie nur auf ärztliche Verschreibung. Die Grundversicherung zahlt nicht. Eine Dreimonatspackung des bekanntesten Markenpräparats kostete in Schweizer Onlineapotheken Ende Oktober 2026 rund 160 bis 166 Franken. Verschicken dürfen Apotheken auch rezeptfreie Arzneimittel heute nur gegen ein ärztliches Rezept. Der Bundesrat will das für Mittel der Kategorie D lockern. Die Vernehmlassung dazu lief bis zum 16. Oktober 2026.
Finasterid: wirksam, rezeptpflichtig, mit Warnhinweis
Finasterid bremst die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron, das die Haarwurzeln bei erblicher Veranlagung schrumpfen lässt. In zwei einjährigen Studien mit 1’553 Männern mit lichter werdendem Scheitel stellten die Prüfärzte nach zwölf Monaten bei 65 von 100 Männern mehr Haarwachstum fest, unter Placebo bei 37 von 100. Laut US-Fachinformation ist der Effekt innerhalb von zwölf Monaten nach dem Absetzen wieder verschwunden. Für Frauen ist Finasterid in dieser Dosis nicht zugelassen. In der einzigen Vergleichsstudie der Cochrane-Übersicht half es Frauen nicht besser als Placebo.
Sexuelle Nebenwirkungen sind in den Zulassungsstudien selten, aber häufiger als unter Placebo: weniger Lust bei 1,8 gegenüber 1,3 von 100 Männern, Erektionsstörungen bei 1,3 gegenüber 0,7 von 100. Am 18. November 2025 veröffentlichte Swissmedic ein Schreiben der Herstellerfirmen an Fachleute. Suizidgedanken sind demnach eine Nebenwirkung von Finasterid als Tablette, ihre Häufigkeit ist unbekannt. Wer wegen Haarausfall Finasterid nimmt und gedrückte Stimmung, Depression oder Suizidgedanken bemerkt, soll die Behandlung abbrechen und ärztlichen Rat holen. Packungen mit 1 Milligramm erhalten eine Patientenkarte. Zuvor hatte die europäische Arzneimittelbehörde EMA 313 Verdachtsmeldungen zu Finasterid geprüft, bei geschätzt rund 270 Millionen Patientenjahren Anwendung. Sie hält den Nutzen weiterhin für grösser als das Risiko.
Schon 2022 schrieb Thomas Kündig von der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich in einem SRF-Chat: «Im Moment bin ich deshalb vorsichtig beim Verschreiben von Finasterid Tabletten.»
Finasterid ist in der Schweiz verschreibungspflichtig (Abgabekategorie B) und keine Kassenleistung. Seit November 2023 gibt es ein Finasterid-Spray, zugelassen für Männer zwischen 18 und 41 Jahren, ebenfalls rezeptpflichtig. In der Zulassungsstudie mit 458 Männern wuchsen in 24 Wochen im Testbereich im Mittel 20 Haare nach, unter Placebo knapp 7. Das Hormon Dihydrotestosteron im Blut sank um rund 35 Prozent, unter Tabletten um 56 Prozent. Für das Spray sah die EMA keinen Zusammenhang mit Suizidgedanken.
Minoxidil als Tablette: ausserhalb der Zulassung
Manche Dermatologinnen und Dermatologen verschreiben Minoxidil in niedriger Dosis zum Schlucken. Gegen Haarausfall ist das ausserhalb der Zulassung. Eine internationale Expertengruppe aus 43 Dermatologen hat 2024 einen Konsens zu Beginn und Ausschlussgründen formuliert. Eine randomisierte Studie, 2024 in «JAMA Dermatology», teilte 90 Männer per Los auf Tablette oder Lösung auf. Nach 24 Wochen war die Tablette nicht überlegen. Vermehrte Körperbehaarung bekam fast die Hälfte der Männer mit Tablette, mit Lösung jeder vierte. In einer Auswertung von 1’404 Behandelten aus mehreren Zentren betrafen unerwünschte Haare rund 15 Prozent der ausgewerteten Behandlungsphasen, Schwindel knapp 2, Wassereinlagerungen gut 1 und Herzrasen knapp 1 Prozent.
Rotlicht, Biotin, Shampoos: viel Werbung, dünne Daten
Die Rotlicht- und Laserkappen, die wir in Onlineshops für die Schweiz gefunden haben, kosten zwischen 199 und 888 Franken. Eine Meta-Analyse von 2025 bündelt 38 Studien mit 3’098 Teilnehmenden und findet bei erblichem Haarausfall einen Effekt auf die Haardichte. Die Ergebnisse streuen aber stark. Bei einer grossen Studie zum bekanntesten Laserkamm zahlte der Hersteller einen Teil der Kosten und lieferte die Geräte. Das Etikett «FDA-cleared» heisst, dass die US-Behörde das Gerät als im Wesentlichen gleichwertig mit einem bereits legal verkauften Gerät eingestuft hat. Ein eigener Wirksamkeitsnachweis wie bei einem Arzneimittel ist das nicht. Die Schweizer mediX-Leitlinie für Hausärzte hält fest: Rotlicht verstärke die Wirkung von Minoxidil, sonst gebe es kaum Belege.
Biotin steckt in vielen Haarkapseln. Eine Übersicht von 2017 fand nur 18 Fallberichte, in denen Biotin Haaren oder Nägeln half, alle bei Menschen mit einer Grunderkrankung wie Biotinmangel. Für Gesunde fehlen Belege. Die mediX-Leitlinie sieht ohne klaren Mangel keinen Nutzen. Dazu kommt ein echtes Risiko: Hohe Dosen Biotin verfälschen Laborwerte, etwa Troponin für die Herzinfarkt-Diagnose und Schilddrüsenwerte. Die US-Behörde FDA warnte 2017 und 2019 davor, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung 2026. Wer Biotin nimmt, sollte es vor einer Blutentnahme sagen.
Coffein-Shampoo, Rosmarinöl und Eigenblut (PRP) haben treue Anhänger. Die Coffein-Studie mit 210 Männern hatte keine Placebogruppe, die Rosmarin-Studie mit 100 Personen verglich nur mit der schwächeren 2-Prozent-Lösung, ebenfalls ohne Placebo. Die Studien zu Eigenblut sind uneinheitlich, die Technik ist nicht standardisiert.
Abo mit KI-Analyse: ein Foto ersetzt keine Abklärung
Ein Trend aus den USA setzt auf Technik: eine App, ein Foto der Kopfhaut, ein Fragebogen, dann ein Paket im Abo. MDhair, eine Marke der Firma MDalgorithms, lässt die Fotos von einer KI auswerten und empfiehlt Sets aus Seren, Shampoos und Nahrungsergänzung. Laut eigener Website startet das Abo bei 49 Dollar, feste Sets kosten 66 bis 156 Dollar, und in die Schweiz liefert MDhair nicht (Stand Oktober 2026). Die einzige publizierte Studie zum Konzept, die wir gefunden haben, begleitete 38 Frauen, 27 hielten 24 Wochen durch. Eine Vergleichsgruppe gab es nicht, zwei der vier Autoren arbeiten für die Firma. Eine unabhängige Prüfung der KI-Analyse haben wir nicht gefunden.
In der Schweiz gelten engere Regeln. Ein Arzneimittel darf nur verschreiben, wer den Gesundheitszustand kennt. Für rezeptpflichtige Mittel ist Publikumswerbung verboten. In der Schweiz gibt es deshalb Telemedizin-Angebote, bei denen Ärztinnen und Ärzte Fotos und Fragebogen beurteilen und bei Bedarf ein Rezept ausstellen. Bezahlt wird meist im Abo, die Grundversicherung übernimmt die Mittel nicht. Wer im Ausland bestellt, darf höchstens einen Monatsbedarf für sich selbst einführen. Hält der Zoll eine unzulässige Sendung auf, kostet das laut Swissmedic mindestens 540 Franken. Die Behörde warnt zudem, dass Arzneimittel aus dem Internet häufig mangelhaft sind.
Wie Abo-Anbieter mit Fragebogen, Foto und Algorithmus ein Geschäft daraus bauen und warum das Heilmittelgesetz in der Schweiz bremst, zeigt unser Schwestermagazin Leitgrad: Haarausfall wird zum Abo.
Was als Nächstes kommt
Neu könnte bald ein dritter Wirkstoff dazukommen. Die an der Schweizer Börse kotierte Cosmo Pharmaceuticals meldete im April 2026 positive Ergebnisse zweier Studien mit 1’465 Männern für Clascoteron als Lösung. Absolute Haarzahlen nennt der Fachbericht, auf den wir uns stützen, nicht. Den Zulassungsantrag in den USA plant sie für 2027.
Die Formel: Mittel gegen dünnes Haar nach Evidenz

| Mittel | Was belegt ist | Skala |
|---|---|---|
| Minoxidil zum Auftragen | Mehr Haare als unter Placebo bei Männern und Frauen; Wirkung erst nach Monaten, nur solange man es anwendet; rezeptfrei in der Apotheke, keine Kassenleistung | Stark |
| Finasterid als Tablette (nur Männer) | Mehr Haarwachstum am Scheitel nach einem Jahr bei 65 von 100 Männern, unter Placebo bei 37; rezeptpflichtig; Warnhinweis zu Suizidgedanken seit 2025 | Stark |
| Finasterid als Spray | Eine grosse Studie über 24 Wochen mit mehr Haaren als unter Placebo; zugelassen für Männer von 18 bis 41 | Mittel |
| Minoxidil als Tablette | Ausserhalb der Zulassung; in einer randomisierten Studie nicht besser als die Lösung; häufig unerwünschte Körperbehaarung | Mittel |
| Rotlicht- und Laserkappen | Effekt in Meta-Analysen, aber stark streuende Ergebnisse und teils industriefinanzierte Studien | Schwach |
| Coffein, Rosmarin, Eigenblut | Kleine Studien ohne Placebo oder mit sehr uneinheitlichen Ergebnissen | Schwach |
| Abos mit KI-Analyse | Eine kleine Studie ohne Kontrollgruppe, mitverfasst vom Anbieter | Schwach |
| Biotin ohne Mangel | Kein Nutzen belegt; kann Laborwerte verfälschen | Unbelegt |
Zum Mitnehmen
Was Sie daraus mitnehmen können
- Haarausfall hat viele Ursachen. Eine dermatologische Abklärung klärt, ob ein Mittel gegen erblichen Haarausfall überhaupt passt.
- Am besten belegt sind Minoxidil zum Auftragen und, für Männer, Finasterid. Beide wirken nur, solange man sie anwendet, und kosten auf Dauer selbst bezahlt. Ob Finasterid infrage kommt, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, besonders bei einer Vorgeschichte mit Depression.
- Bei Kappen, Kapseln und Abos lohnt die Frage, wer die zitierte Studie bezahlt hat und ob es eine Placebogruppe gab.
- Rezeptpflichtige Mittel aus dem Ausland sind teuer, wenn der Zoll sie aufhält, und ihre Qualität ist ungewiss.
Quellen
- Swissmedic. Illegale Arzneimittelimporte 2025. 16.2.2026. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/humanarzneimittel/marktueberwachung/arzneimittel-aus-dem-internet/statistik/illegale-arzneimittelimporte-2025.html
- SRF. Mittel gegen Haarausfall: Glatze stresst, doch es gibt Abhilfe. 11.2.2026. https://www.srf.ch/news/gesellschaft/mittel-gegen-haarausfall-die-glatze-stresst-doch-es-gibt-abhilfe
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- Arzneimittel-Kompendium. Regaine Topische Lösung 5 %. https://compendium.ch/product/3154-regaine-topische-losung-5/mpro
- Arzneimittel-Kompendium. Regaine Topische Lösung 2 %. https://compendium.ch/fr/product/3153-regaine-topische-losung-2/mpro
- Eulenapotheke. Regaine Topische Lösung 5 %, 3 x 60 ml (Preis abgerufen 27.10.2026). https://eulenapotheke.ch/product/regaine-topische-loesung-5-3-fl-60-ml/
- Dr. Noyer Apotheken. Regaine Topische Lösung 5 %, 3 x 60 ml (Preis abgerufen 27.10.2026). https://shop.drnoyer.ch/produkt/regaine-topische-loesung-5-3-fl-60-ml/
- Propecia (finasteride) Prescribing Information, Stand 8/2022. https://www.drugs.com/pro/propecia.html
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- Bundesrat. Revision des Heilmittelgesetzes: Bundesrat will Arzneimittelversorgung stärken. Medienmitteilung, 19.6.2026 (Vernehmlassung bis 16.10.2026). https://www.admin.ch/de/newnsb/hHqn259s8BDP8ZNtqioDB
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