Körper, Erklärt

Ausdauer und Griffkraft: Was zwei einfache Messwerte vorhersagen

Ein Belastungstest und ein fester Händedruck sagen erstaunlich viel über das Sterberisiko. Was die grossen Studien zeigen, was sie nicht zeigen und wo man in der Schweiz misst.

Ein Mann trainiert mit Kurzhanteln
Foto: Samuel Girven, Unsplash

Kurz gesagt

  • In grossen Beobachtungsstudien gehen gute Ausdauer und eine kräftige Hand mit einem deutlich tieferen Sterberisiko einher.
  • Ob gezieltes Training dieses Risiko im gleichen Mass senkt, ist schwächer belegt: Eine grosse randomisierte Studie aus Norwegen fand nur einen Trend.
  • Beide Werte lassen sich messen: die Ausdauer am genauesten mit einer Spiroergometrie, die Griffkraft mit einem Handdynamometer.

Beim Check-up füllt die Praxis mehrere Röhrchen Blut. Danach liegen Blutfette, Blutzucker, Leberwerte und das grosse Blutbild auf dem Tisch. Niemand bittet Sie, fest zuzudrücken. Niemand setzt Sie aufs Velo, bis Sie nicht mehr können. Dabei sagen gerade diese beiden Werte in grossen Studien viel über das Sterberisiko. Die American Heart Association hielt 2016 fest, die kardiorespiratorische Fitness sei der einzige grosse Risikofaktor, den die klinische Praxis nicht routinemässig erfasst. Sie forderte, Fitness wie ein Vitalzeichen zu behandeln.

Was ein Laufband über 122’000 Menschen verrät

Eine grosse Einzelstudie stammt von der Cleveland Clinic in Ohio. Mandsager und Kollegen werteten die Belastungstests von 122’007 Erwachsenen aus, die dort zwischen 1991 und 2014 auf dem Laufband standen. Sie verfolgten die Personen im Median 8,4 Jahre. In dieser Zeit starben 13’637. Die Forscher teilten alle nach Alter und Geschlecht in fünf Gruppen ein, vom schwächsten Viertel bis zur Spitze, den obersten 2,3 Prozent.

Das Ergebnis ist deutlich. Nach Bereinigung um andere Risikofaktoren hatte das schwächste Viertel ein rund fünfmal so hohes Sterberisiko wie die Spitzengruppe. Ohne Bereinigung starben in der schwächsten Gruppe 23,7 Prozent, in der stärksten 2,6 Prozent. Diese Rohzahlen berücksichtigen weder Vorerkrankungen noch andere Risikofaktoren. Eine Obergrenze fanden die Autoren nicht: Mehr Fitness ging bis in die Spitze mit tieferem Risiko einher. Rauchen erhöhte das Risiko in derselben Auswertung um den Faktor 1,41, Diabetes um 1,40. Der Vergleich hinkt allerdings, weil hier Extremgruppen gegen Ja-oder-Nein-Merkmale stehen.

Was die Studie nicht zeigt: Sie ist rückblickend. Die häufigsten Gründe für den Test waren die Abklärung einer Herzkrankheit und von Beschwerden. Es geht also um Patientinnen und Patienten, nicht um die Durchschnittsbevölkerung. Die Fitness wurde einmal gemessen und aus Tempo und Steigung des Laufbands geschätzt, nicht aus der Atemluft. Die Autoren schreiben selbst, der Zusammenhang beweise keine Ursache. Interessenkonflikte geben sie keine an.

Eine Meta-Analyse von Kodama und Kollegen bündelte 2009 im Fachblatt JAMA 33 Kohortenstudien mit 102’980 Personen, von denen 6910 starben. Gemessen wird die Fitness dort in MET; ein MET entspricht 3,5 Millilitern Sauerstoff pro Kilo Körpergewicht und Minute. Pro zusätzlichem MET lag das Sterberisiko um rund 13 Prozent tiefer (Risikoverhältnis 0,87). Wer, umgerechnet auf einen 50-jährigen Mann, mindestens 7,9 MET erreichte, starb deutlich seltener als Personen darunter.

Der Händedruck als Messgerät

Die Griffkraft wirkt banal. Gemessen wird sie mit einem kleinen Gerät, das man mit einer Hand zusammendrückt. Die PURE-Studie um Leong und Kollegen prüfte sie 2015 im Lancet in 17 Ländern mit sehr unterschiedlichem Einkommen. 139’691 Personen drückten ein Jamar-Dynamometer, ein hydraulisches Handmessgerät. Im Median vier Jahre später waren 3379 von ihnen gestorben, gut 2 Prozent.

Pro 5 Kilogramm weniger Griffkraft lag das Sterberisiko um 16 Prozent höher. Für Herz-Kreislauf-Tod lag der Wert bei 17 Prozent, für Herzinfarkt bei 7 und für Schlaganfall bei 9 Prozent. Für die Sterblichkeit insgesamt und am Herzen sagte die Griffkraft mehr voraus als der obere Blutdruckwert. Keinen Zusammenhang fanden die Forscher mit neuem Diabetes, Stürzen oder Knochenbrüchen. Gefördert wurde PURE unter anderem von den Canadian Institutes of Health Research.

Die britische UK Biobank bestätigt das Muster an 502’293 Personen zwischen 40 und 69 Jahren. Celis-Morales und Kollegen berichteten 2018 im BMJ: Während durchschnittlich 7,1 Jahren starben 13’322, das sind 2,7 Prozent. Pro 5 Kilogramm weniger Griffkraft lag das Sterberisiko bei Frauen um 20 Prozent höher, bei Männern um 16 Prozent. Die Griffkraft verbesserte die Vorhersage eines Risikorechners für die Arztpraxis.

Für die Schweiz gibt es eigene Referenzwerte. Ein Team um die Schulthess Klinik in Zürich mass 2009 die Griffkraft von 1023 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 96 Jahren, ebenfalls mit einem Jamar-Gerät. Die Werte wichen von jenen anderer Länder ab; internationale Normtabellen passen also nur bedingt. Eine Studie aus Basel und St. Gallen mit 244 Personen zwischen 75 und 99 Jahren fand 2018: 44 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen lagen unter Grenzwerten, die auf eingeschränkte Mobilität hinweisen.

Zusammenhang heisst nicht Ursache

Alle bisher genannten Studien beobachten. Sie zeigen, dass fitte und kräftige Menschen länger leben. Sie zeigen nicht, warum. Wer krank ist, bewegt sich weniger und verliert Kraft. Dann wäre die Schwäche Folge, nicht Ursache. Die Autoren der UK Biobank schreiben, eine solche umgekehrte Ursache sei in jeder Beobachtungsstudie möglich. Dazu kommen Faktoren wie Einkommen und Bildung, die Fitness und Lebenserwartung zugleich beeinflussen können. Die Cleveland-Studie nennt solche nicht erfassten Einflüsse ausdrücklich.

Eine wichtige randomisierte Studie kommt aus Norwegen. Die Studie Generation 100 teilte in Trondheim 1567 Personen zwischen 70 und 77 Jahren per Los in drei Gruppen ein. Eine trainierte fünf Jahre lang zweimal pro Woche in Intervallen, viermal vier Minuten bei rund 90 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Eine zweite trainierte 50 Minuten gleichmässig bei rund 70 Prozent. Die Kontrollgruppe sollte sich an die nationalen Bewegungsempfehlungen halten. Bezahlt haben öffentliche norwegische Geldgeber, darunter der Forschungsrat.

Nach fünf Jahren waren in der Kontrollgruppe 4,7 Prozent gestorben, in der Intervallgruppe 3,0 Prozent, in der Gruppe mit gleichmässigem Training 5,9 Prozent. Der Unterschied zwischen Intervall- und Kontrollgruppe war statistisch nicht gesichert. Das Fazit der Autoren lautet nüchtern: Das Training insgesamt hatte keinen Effekt auf die Sterblichkeit, beim Intervalltraining zeigte sich ein Trend zu weniger Todesfällen. Die Studie hatte allerdings ein Problem. Die Kontrollgruppe blieb sehr aktiv, und nach drei Jahren trainierten 22 Prozent von ihr selbst in Intervallen. Entsprechend klein blieb der Unterschied in der Ausdauer: Nach fünf Jahren lag die maximale Sauerstoffaufnahme der Trainingsgruppen nur 0,3 Milliliter pro Kilo und Minute über jener der Kontrollgruppe.

Für die Griffkraft halten die PURE-Autoren fest, es brauche weitere Forschung, ob mehr Kraft Sterblichkeit und Herz-Kreislauf-Krankheiten senkt. Auch die American Heart Association verlangt mehr klinische Studien, bevor man von Ursache sprechen kann. Die Fachwelt empfiehlt Bewegung trotzdem: Die American Heart Association will Fitness als Vitalzeichen erfassen, die Schweiz hat eigene Bewegungsempfehlungen.

Wo und wie man misst

Die maximale Sauerstoffaufnahme, kurz VO2max, ist laut sportmedizinischer Fachliteratur der bekannteste Kennwert für die Ausdauerleistung. Am genauesten bestimmt sie die Spiroergometrie: Sie treten auf dem Velo oder gehen auf dem Laufband bis zur Erschöpfung, eine Maske misst dabei die Atemgase. Die grossen Studien oben haben die Fitness meist aus der erreichten Belastung geschätzt. Schätzungen ganz ohne Belastungstest ersetzen laut der American Heart Association eine objektive Messung nicht.

In der Schweiz bieten sportmedizinische Zentren solche Tests an, darunter die Swiss Olympic Medical Centers. Viele stehen auch Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportlern offen. Ohne medizinischen Grund zahlt man den Test selbst, die publizierten Tarife liegen meist bei einigen hundert Franken. Die Universitätsklinik Balgrist in Zürich weist darauf hin, dass sie Belastungstests ab 35 Jahren nach sportmedizinischen Richtlinien mit Belastungs-EKG durchführt und die Krankenkasse bei medizinischer Indikation zahlen kann.

Die Griffkraft misst man mit einem Handdynamometer, in den Studien oben meist ein Jamar-Gerät. Ein einzelner Wert sagt wenig. Er gewinnt erst im Vergleich mit Referenzwerten für Alter, Geschlecht und Grösse an Bedeutung. Diese Einordnung gehört in die Hand einer Fachperson.

Als Richtschnur für den Alltag dienen die Schweizer Bewegungsempfehlungen, herausgegeben vom Netzwerk hepa.ch im Auftrag des Bundesamts für Sport. Erwachsene sollen sich pro Woche 150 bis 300 Minuten mit mittlerer oder 75 bis 150 Minuten mit hoher Intensität bewegen. Dazu kommt an zwei oder mehr Tagen pro Woche Bewegung, die die Muskeln kräftigt. Älteren Erwachsenen wird zusätzlich Gleichgewichtstraining empfohlen.

Zum Mitnehmen

Was Sie daraus mitnehmen können

  • Ausdauer und Griffkraft sind in grossen Beobachtungsstudien starke Vorhersagewerte für das Sterberisiko. Sie zeigen ein Risiko an, nicht eine Ursache.
  • Eine Spiroergometrie misst die Ausdauer genauer als jede Schätzung; die Griffkraft lässt sich mit einem Handdynamometer erfassen. Beide Werte brauchen Referenzwerte nach Alter und Geschlecht.
  • Die Schweizer Bewegungsempfehlungen nennen Ausdauer und Kraft gleichermassen. Dass Training die Lebenszeit verlängert, ist plausibel und durch Kohorten gestützt, randomisiert aber nicht gesichert.
  • Wer Herzbeschwerden, Vorerkrankungen oder Medikamente hat, bespricht einen Belastungstest und den Trainingseinstieg vorher mit der Ärztin oder dem Arzt.

Quellen

  1. Mandsager K, Harb S, Cremer P, Phelan D, Nissen SE, Jaber W. Association of Cardiorespiratory Fitness With Long-term Mortality Among Adults Undergoing Exercise Treadmill Testing. JAMA Netw Open 2018;1(6):e183605. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2018.3605
  2. Kodama S, Saito K, Tanaka S, et al. Cardiorespiratory Fitness as a Quantitative Predictor of All-Cause Mortality and Cardiovascular Events in Healthy Men and Women: A Meta-analysis. JAMA 2009;301(19):2024-2035. https://doi.org/10.1001/jama.2009.681
  3. Leong DP, Teo KK, Rangarajan S, et al. Prognostic value of grip strength: findings from the Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) study. Lancet 2015;386(9990):266-273. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(14)62000-6
  4. Celis-Morales CA, Welsh P, Lyall DM, et al. Associations of grip strength with cardiovascular, respiratory, and cancer outcomes and all cause mortality: prospective cohort study of half a million UK Biobank participants. BMJ 2018;361:k1651. https://doi.org/10.1136/bmj.k1651
  5. Stensvold D, Viken H, Steinshamn SL, et al. Effect of exercise training for five years on all cause mortality in older adults: the Generation 100 study. BMJ 2020;371:m3485. https://doi.org/10.1136/bmj.m3485
  6. Ross R, et al. Importance of Assessing Cardiorespiratory Fitness in Clinical Practice: A Case for Fitness as a Clinical Vital Sign. A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2016;134:e653-e699. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000000461
  7. Werle S, Goldhahn J, Drerup S, Simmen BR, Sprott H, Herren DB. Age- and gender-specific normative data of grip and pinch strength in a healthy adult Swiss population. J Hand Surg Eur Vol 2009. https://doi.org/10.1177/1753193408096763
  8. Wearing J, Konings P, Stokes M, de Bruin ED. Handgrip strength in old and oldest old Swiss adults: a cross-sectional study. BMC Geriatr 2018;18:266. https://doi.org/10.1186/s12877-018-0959-0
  9. Scharhag-Rosenberger F, Schommer K. Die Spiroergometrie in der Sportmedizin. Dtsch Z Sportmed 2013;64:362-366. https://doi.org/10.5960/dzsm.2013.105
  10. Netzwerk hepa.ch im Auftrag des BASPO. Bewegungsempfehlungen Schweiz: Grundlagen. https://www.baspo.admin.ch/dam/de/sd-web/dBpn3E0i9IwN/hepa-bro-bewegungsempfehlungen-grundlagen_DE.pdf
  11. Clinique romande de réadaptation (Suva), Sion. Swiss Olympic Medical Center, Tarife. https://www.crr-suva.ch/rehabilitation-clinic/swiss-olympic-medical-center-122.html (abgerufen 19.10.2026)
  12. Universitätsklinik Balgrist. Preisliste Leistungsdiagnostik, Stand 22.04.2021. https://www.balgrist.ch/fileadmin/user_upload/Fachbereiche/Sportmedizin/Leistungsdiagnostik/Preisliste-Leistungsdiagnostik-Balgrist.pdf