Hautalterung: Was belegt ist und was nur im Regal steht
Eine randomisierte Studie aus Australien zeigt, dass täglicher Sonnenschutz die Hautalterung bremst. Bei den Wirkstoffen in Tiegeln und Getränken wird die Beweislage schnell dünn.

Kurz gesagt
- In einer randomisierten Studie in Australien alterte die Haut von Menschen mit täglichem Sonnenschutz über 4,5 Jahre messbar langsamer als bei Menschen, die nur nach eigenem Ermessen cremten.
- Unter den Wirkstoffen ist nur das verschreibungspflichtige Tretinoin in mehreren randomisierten Studien gut belegt; Retinol, Vitamin C, Niacinamid und Peptide stützen sich meist auf kleine Studien.
- Bei Kollagen-Getränken verschwindet der Effekt, sobald man nur unabhängig finanzierte oder methodisch gute Studien betrachtet.
1992 drückten Forschende in Nambour, einer Kleinstadt in Queensland auf 26 Grad südlicher Breite, Hunderten Erwachsenen eine Silikonmasse auf den linken Handrücken. Der Abdruck hält fest, was das Auge nur ahnt: das feine Rautenmuster der Hautoberfläche. Sonne und Jahre vergröbern es. Vier Jahre später wiederholten sie die Prozedur. So entstand eine randomisierte Studie zu einer alten Vermutung: Bremst täglicher Sonnenschutz die Hautalterung?
Der Handrücken von Nambour
Die Studie lief von 1992 bis 1996 als Teil eines grösseren Versuchs zur Vorbeugung von Hautkrebs. Einbezogen wurden 903 Erwachsene unter 55 Jahren, im Mittel 39 Jahre alt. Das Los teilte sie in zwei Gruppen. Die eine sollte jeden Morgen Kopf, Hals, Arme und Hände mit einer Breitband-Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 15 eincremen und nach Schwitzen, Baden oder mehreren Stunden im Freien nachlegen. Die andere cremte nach eigenem Ermessen. Ein zweiter Studienarm prüfte Beta-Carotin gegen Placebo.
Die Abdrücke wurden auf einer Skala von 1 bis 6 eingestuft. Wer bewertete, wusste nicht, zu welcher Gruppe ein Abdruck gehörte. Laut den Autoren ist die Methode bis zum Alter von 70 Jahren ein gültiges Mass für lichtbedingte Hautalterung.
Das Ergebnis erschien 2013 in den «Annals of Internal Medicine». In der Gruppe mit täglichem Sonnenschutz war nach 4,5 Jahren keine Zunahme der Hautalterung nachweisbar. Die Chance, dass die Haut weiter alterte, lag um 24 Prozent tiefer als in der Vergleichsgruppe (relative Odds 0,76). Absolute Zahlen nennt die Zusammenfassung der Studie nicht. Klar ist: Es geht um eine Verschiebung auf einer groben Skala, nicht um eine faltenfreie Haut. Beta-Carotin hatte keinen Gesamteffekt.
Bezahlt hat vor allem der staatliche australische Forschungsrat NHMRC. Ein Sonnencreme-Hersteller, der auch das Produkt lieferte, und ein Vitaminhersteller trugen Geld bei. Laut Studie hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Planung und Durchführung.
Was die Studie nicht zeigt: Gemessen wurde der Handrücken, nicht das Gesicht. Alle Teilnehmenden waren unter 55. Ein Drittel hatte nur eine verwertbare Messung, und die Autoren nennen die statistische Aussagekraft selbst bescheiden. Ob ein höherer Lichtschutzfaktor mehr bringt, bleibt offen. Und auch die Vergleichsgruppe cremte: 1996 trugen 33 Prozent von ihnen mindestens drei- bis viermal pro Woche Sonnencreme auf, in der Gruppe mit täglicher Anwendung 77 Prozent. Verglichen wurde also regelmässig mit gelegentlich, nicht mit nie.
Höhe, Schnee und ein Schweizer Befund
In der Schweiz kommt die Höhe dazu. Oben ist die Luftschicht dünner, die UV-Strahlung filtert. Pro 1000 Höhenmeter nimmt die Intensität laut Krebsliga um etwa 10 Prozent zu. Auf 3000 Metern kann der UV-Index Anfang Juli laut Bundesamt für Gesundheit über 12 liegen, auch bei tiefen Temperaturen. Schnee reflektiert 40 bis 90 Prozent der UV-Strahlung, Wasser 10 bis 30, Sand 5 bis 25. Leichte Bewölkung senkt die Strahlung am Boden nur um 5 bis 10 Prozent. Für Skitour, Hochtour und Hüttenterrasse heisst das: Die Belastung ist höher, als die Temperatur vermuten lässt.
Hautalterung ist das kosmetische Problem, Hautkrebs das medizinische. Laut Krebsliga erkrankten in der Schweiz in den Jahren 2018 bis 2022 jährlich rund 3’500 Menschen am Melanom, dem schwarzen Hautkrebs. Rund 300 starben pro Jahr daran. Weisser Hautkrebs ist in diesen Zahlen nicht enthalten. Das BAG nennt übermässige UV-Strahlung als Ursache für vorzeitige Hautalterung und für ein erhöhtes Hautkrebsrisiko.
Tretinoin und Retinol: verwandt, ungleich belegt
Tretinoin ist Retinsäure, die wirksame Form von Vitamin A in der Haut. Retinol, der Wirkstoff vieler Cremes, muss die Haut erst in diese Form umwandeln. Bei der Beweislage liegen Welten dazwischen.
Eine Meta-Analyse von 2025 bündelt acht randomisierte Studien mit 1’361 Personen, erschienen zwischen 1988 und 2006. Gegenüber einer wirkstofffreien Grundlage gingen feine und grobe Falten im Gesicht stärker zurück. Der Preis sind Reizungen: Trockenheit, Rötung, Schuppung, Brennen. Die Chance auf Nebenwirkungen war rund dreimal so hoch (Odds Ratio 3,1). Auf 822 behandelte Personen kamen 492 gemeldete Nebenwirkungen. Alle acht Studien hatten einen Firmensponsor, und für die feinen Falten fanden die Autoren Hinweise, dass ungünstige Ergebnisse seltener veröffentlicht wurden. Die Meta-Analyse selbst lief ohne Finanzierung.
In der Schweiz ist Tretinoin ein Arzneimittel. Die tretinoinhaltigen Hautpräparate, die wir im Arzneimittel-Kompendium geprüft haben, stehen in den Abgabekategorien A und B. Beide sind verschreibungspflichtig. Zugelassen sind diese Präparate für Akne oder Verhornungsstörungen, nicht für Falten. Ob Tretinoin infrage kommt, ist eine Frage für die Dermatologin oder den Dermatologen.
Retinol dagegen steckt in Kosmetik. Eine systematische Übersicht von 2021 fand neun randomisierte, doppelblinde Studien mit je etwa 22 bis 80 Teilnehmenden, Dauer 8 bis 52 Wochen. Vier fanden keinen Unterschied zur wirkstofffreien Grundlage. Fünf zeigten allenfalls einen leichten Effekt auf feine Linien, bei erheblichen methodischen Mängeln. Acht der neun Studien waren von der Industrie gesponsert. Eine oft genannte Studie behandelte 36 Personen mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren: Retinol auf den einen Arm, Grundlage auf den anderen, 24 Wochen lang. Die feinen Falten nahmen ab. Für das Gesicht einer 50-Jährigen sagt das wenig.
Vitamin C, Niacinamid, Peptide, Kollagen: viel Regal, wenig Daten
Vitamin C: Eine systematische Übersicht von 2023 fand sieben Publikationen mit zusammen 139 Freiwilligen, zu Pigmentflecken und zu Lichtalterung. Sie sieht Hinweise auf glattere, weniger faltige Haut und verlangt weitere Studien. Eine zweite Übersicht aus dem gleichen Jahr fand sieben Studien zu Falten. Alle kombinierten Vitamin C mit anderen Wirkstoffen oder Verfahren. Was Vitamin C allein bewirkt, lässt sich daraus nicht ablesen.
Niacinamid, eine Form von Vitamin B3, gilt in einer Übersicht von 2010 als einer der am besten untersuchten Kosmetik-Wirkstoffe gegen Hautalterung. Die zentrale Studie von 2005: 50 Frauen, zwölf Wochen, Niacinamid auf der einen Gesichtshälfte, wirkstofffreie Creme auf der anderen, doppelblind. Feine Linien, Pigmentflecken, Rötungen und Fahlheit gingen zurück. Alle drei Autoren arbeiteten in der Forschung eines grossen Konsumgüterkonzerns. Grosse, unabhängige Langzeitstudien fehlen.
Peptide sind kurze Ketten aus Aminosäuren und werden als Faltenmittel beworben. Eine Meta-Analyse von 2026 fand 19 randomisierte Studien mit 1’341 Personen. Nur zwei davon prüften Peptide zum Auftragen, die übrigen 17 Präparate zum Schlucken. Die Ergebnisse streuten extrem. Die Autoren verlangen grössere Studien mit einheitlichen Messgrössen.
Kollagen-Getränke: Eine Meta-Analyse von 2025 im «American Journal of Medicine» wertete 23 randomisierte Studien mit 1’474 Personen aus. Alle zusammen zeigten bessere Hautfeuchtigkeit, Elastizität und weniger Falten. Dann trennten die Autoren nach Geldgeber und Qualität. Studien ohne Industriefinanzierung zeigten keinen Effekt. Methodisch hochwertige Studien ebenfalls nicht. Ihr Fazit: Derzeit gebe es keine klinische Evidenz für Kollagenpräparate gegen Hautalterung. Die Fachwelt ist nicht einig. Eine Meta-Analyse von 2023 mit 26 Studien und 1’721 Personen fand Effekte auf Feuchtigkeit und Elastizität, meldete aber selbst Verzerrungsrisiken, etwa fehlende Daten in 13 Studien.
Rechtlich ist die Grenze klar. Kosmetika sollen nach der Schweizer Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung reinigen, schützen, das Aussehen verändern oder die Haut in gutem Zustand halten. Hinweise auf eine heilende, lindernde oder krankheitsverhütende Wirkung sind verboten. Auch Lebensmitteln, also Kollagen-Getränken, darf niemand Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zuschreiben. Tretinoin dagegen ist ein Arzneimittel und fällt unter das Heilmittelrecht.
Die Formel: Wirkstoffe nach Evidenz
| Wirkstoff | Was belegt ist | Skala |
|---|---|---|
| Täglicher Sonnenschutz | Eine randomisierte Studie mit 903 Personen: über 4,5 Jahre keine messbare Zunahme der Hautalterung am Handrücken, Chance auf Fortschreiten 24 Prozent tiefer | Mittel |
| Tretinoin (verschreibungspflichtig) | Acht randomisierte Studien mit 1’361 Personen: weniger feine und grobe Falten, häufig Reizungen; alle Studien firmengesponsert | Stark |
| Retinol (Kosmetik) | Neun kleine Studien, vier ohne Unterschied zur Grundlage, fünf mit allenfalls leichtem Effekt auf feine Linien | Schwach |
| Vitamin C | Wenige kleine Studien, meist in Kombination mit anderen Wirkstoffen; Effekt allein unklar | Schwach |
| Niacinamid | Wenige kleine, kurze Studien, die zentrale mit 50 Frauen über zwölf Wochen aus der Industrieforschung | Schwach |
| Peptide (Kosmetik) | Nur zwei randomisierte Studien zum Auftragen in einer Meta-Analyse von 2026 | Schwach |
| Kollagen-Getränke | Effekte nur in industriefinanzierten oder methodisch schwächeren Studien; unabhängige und hochwertige Studien ohne Effekt | Schwach |
Zum Mitnehmen
Was Sie daraus mitnehmen können
- Für täglichen Sonnenschutz gegen sichtbare Hautalterung gibt es eine grosse randomisierte Studie. In der Höhe und auf Schnee ist die UV-Belastung deutlich höher als im Tal.
- Unter den Wirkstoffen ist Tretinoin am besten belegt. Es ist in der Schweiz ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und reizt oft die Haut; ob es infrage kommt, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
- Für Retinol, Vitamin C, Niacinamid und Peptide in Kosmetik sind die Studien klein und oft von Herstellern bezahlt. Heilen dürfen Kosmetika nach Schweizer Recht ohnehin nicht versprechen.
- Bei Kollagen-Getränken lohnt die Frage, wer die zitierte Studie bezahlt hat.
Quellen
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- Krebsliga Zentralschweiz. Medienmitteilung Sonnenschutz, 5. Juni 2025. https://zentralschweiz.krebsliga.ch/ueber-uns-kontakt/medien/-dl-/fileadmin/krebsliga_zentralschweiz/downloads/medienmitteilungen/MM_20250605_Sonnenschutz_Krebsliga_Zentralschweiz.pdf
- Krebsliga Schweiz. Krebs in der Schweiz: wichtige Zahlen. Stand November 2025 (Daten: Nationale Krebsregistrierungsstelle, BFS). https://www.krebsliga.ch/ueber-krebs/zahlen-fakten/-dl-/fileadmin/downloads/sheets/zahlen-krebs-in-der-schweiz.pdf
- Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Tretinoinhaltige Hautpräparate, Abgabekategorie und Indikation (Abfrage 19.10.2026). https://compendium.ch
- Bundesamt für Gesundheit (BAG). Erleichterte Abgabe von Arzneimitteln der Liste B (Abgabekategorien A und B). https://www.bag.admin.ch/de/erleichterte-abgabe-von-arzneimitteln-der-liste-b
- Kanton Aargau, Amt für Verbraucherschutz. Merkblatt Nr. 26: Vertrieb von Kosmetika in der Schweiz (zu Art. 47 und Art. 53 LGV, SR 817.02). Stand 26.03.2026. https://www.ag.ch/media/kanton-aargau/dgs/dokumente/verbraucherschutz/lebensmittelkontrolle/gebrauchsgegenstaende/merkblatt-26-vertrieb-von-kosmetika-in-der-schweiz.pdf
- Schweizerisches Bundesgericht. Urteil 2C_162/2019 vom 26. Februar 2020, E. 3.3 (zu Art. 12 Abs. 2 lit. c LGV). https://servat.unibe.ch/dfr/bger/2020/200226_2C_162-2019.html
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