Traditionen, Erklärt

Akupunktur: Warum die falsche Nadel fast so gut abschneidet

Grosse Studien zeigen einen klaren Nutzen bei chronischen Schmerzen. Wo die Nadel sitzt, spielt aber eine kleinere Rolle, als die Tradition lehrt. Was das bedeutet und was in der Schweiz gilt.

Akupunkturnadeln in der Haut
Foto: Katherine Hanlon, Unsplash

Kurz gesagt

  • In grossen Studien lindert Akupunktur chronische Schmerzen deutlich besser als keine Akupunktur, aber nur wenig besser als Schein-Nadeln.
  • Für Migräne und Spannungskopfschmerz zeigen die Cochrane-Reviews dasselbe Muster, bei Evidenz mittlerer Vertrauenswürdigkeit.
  • In der Schweiz zahlt die Grundversicherung Akupunktur nur, wenn eine Ärztin oder ein Arzt mit anerkannter Weiterbildung sie erbringt.

In 340 deutschen Arztpraxen bekamen 1’162 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen eine von drei Behandlungen. Die erste Gruppe erhielt Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die zweite bekam ebenso viele Nadeln, aber nur 1 bis 3 Millimeter tief und bewusst abseits aller bekannten Punkte und Meridiane. Die dritte erhielt Medikamente, Physiotherapie und Bewegung nach Leitlinie. Nach sechs Monaten ging es 47,6 Prozent der Akupunkturgruppe deutlich besser. In der Schein-Gruppe waren es 44,2 Prozent, in der Standardgruppe 27,4 Prozent.

Die Nadeln halfen also mehr als die Standardtherapie. Wo sie sassen, spielte kaum eine Rolle. Dieser Befund der deutschen GERAC-Studien beschäftigt die Forschung bis heute. Wer ihn versteht, versteht, was Akupunktur kann und was die Studien offenlassen.

Qi und Meridiane: das überlieferte Modell

Akupunktur stammt aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die sich über Jahrtausende entwickelt hat. In ihrem Modell fliesst Qi, meist als Lebensenergie übersetzt, auf Leitbahnen durch den Körper, den Meridianen. Krankheit gilt als gestörtes Gleichgewicht. Feine Nadeln an bestimmten Punkten sollen den Fluss des Qi beeinflussen und das Gleichgewicht wiederherstellen.

Klinische Studien prüfen dieses Modell nicht direkt. Sie messen, ob Menschen nach der Behandlung weniger Schmerzen haben als ohne sie oder als nach einer Scheinbehandlung. Ob Qi und Meridiane als messbare Grössen existieren, beantworten sie nicht.

39 Studien, 20’827 Patientinnen und Patienten

Die gründlichste Auswertung stammt von der Acupuncture Trialists‘ Collaboration um Andrew Vickers. Die Gruppe wertete die Rohdaten jeder einzelnen Person aus, statt sich auf veröffentlichte Mittelwerte zu verlassen: 39 randomisierte Studien mit 20’827 Teilnehmenden. Untersucht wurden vier chronische Leiden: unspezifische Schmerzen des Bewegungsapparats, Arthrose, chronische Kopfschmerzen und Schulterschmerzen. Bezahlt haben die US-Gesundheitsbehörde NIH und das Samueli Institute. Laut Studie hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Auswertung und Publikation.

Das Ergebnis von 2018: Akupunktur schnitt bei allen vier Leiden besser ab als Schein-Akupunktur und besser als keine Akupunktur. Gegenüber keiner Akupunktur lag der Unterschied bei rund 0,5 Standardabweichungen, gegenüber Schein bei rund 0,2. Die Autoren übersetzen das in ein Beispiel. Wer zu Beginn Schmerzen von 60 auf einer Skala von 0 bis 100 hat, landet ohne Akupunktur bei etwa 43, mit Schein-Akupunktur bei 35, mit echter Akupunktur bei 30. Als «Ansprecher» zählten so etwa 30, 42,5 und 50 von 100 Personen. Nach einem Jahr war der Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe nur um etwa 15 Prozent geschrumpft.

Das Beispiel zeigt den Kern. Den grössten Teil des Abstands zu keiner Behandlung schafft schon die Schein-Nadel. Echte Akupunktur legt im Beispiel noch 5 Punkte von 100 drauf.

Was die Analyse nicht zeigt: ob Akupunktur bei anderen Leiden wirkt. Und wer die Nadel setzt, weiss immer, ob er echt oder zum Schein sticht. Ganz verblinden lässt sich Akupunktur nie.

Kopfschmerz und Migräne

Die Cochrane Collaboration hat 2016 zwei Übersichten aktualisiert. Zur Migränevorbeugung wertete sie 22 Studien mit 4’985 Teilnehmenden aus. Ohne Akupunktur halbierte sich die Zahl der Kopfschmerztage bei 17 von 100 Personen, mit Akupunktur bei 41 von 100. Gegenüber Schein-Akupunktur war der Abstand kleiner: 50 gegenüber 41 von 100. Gegenüber vorbeugenden Medikamenten lag Akupunktur nach drei Monaten vorn, 57 gegenüber 46 von 100. Nach sechs Monaten stand es 59 zu 54 von 100, der Unterschied war nicht mehr statistisch gesichert. Wer Akupunktur bekam, brach die Behandlung seltener wegen Nebenwirkungen ab.

Die Autoren rechnen es greifbar vor. Wer vorher sechs Migränetage im Monat hat, kommt mit üblicher Versorgung auf etwa fünf, mit Schein-Akupunktur oder einem Medikament auf vier, mit echter Akupunktur auf dreieinhalb. Studien über mehr als ein Jahr fehlen.

Beim Spannungskopfschmerz (12 Studien, 2’349 Erwachsene) sprachen 51 Prozent auf Akupunktur an und 43 Prozent auf Schein-Akupunktur. Beide Reviews stufen die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz insgesamt als mittel ein und beziehen sich auf mindestens sechs Sitzungen.

Was die Schein-Nadel bedeutet

Die zweite grosse GERAC-Studie galt der Kniearthrose: 1’007 Patientinnen und Patienten in 315 Hausarztpraxen. Alle erhielten Physiotherapie und bei Bedarf entzündungshemmende Schmerzmittel. Dazu kamen zehn Sitzungen TCM-Akupunktur, zehn Sitzungen Schein-Akupunktur oder zehn Arzttermine. Nach 26 Wochen hatten sich die Beschwerden auf der Arthroseskala WOMAC um mindestens 36 Prozent gebessert, und zwar bei 53,1 Prozent der Akupunkturgruppe, bei 51,0 Prozent der Schein-Gruppe und bei 29,1 Prozent der Standardgruppe. Echte und falsche Nadeln unterschieden sich nicht.

Durchgeführt wurden die Studien unter der Leitung des AOK-Bundesverbands, des Dachverbands der AOK-Krankenkassen. Die Folge war politisch: Der Gemeinsame Bundesausschuss nahm 2006 die Nadelakupunktur bei chronischen Kreuz- und Knieschmerzen in die Kassenversorgung auf. Für Migräne und Spannungskopfschmerz fand er damals keinen klaren Beleg für einen Zusatznutzen.

Was bedeutet der kleine Abstand zur Schein-Nadel? Hier ist die Fachwelt uneins. Die GERAC-Autoren nennen drei mögliche Erklärungen: Placebo, mehr Zuwendung durch die Behandelnden oder eine körperliche Wirkung des Stechens, egal an welcher Stelle. Vickers und Kollegen betonen, dass manche Schein-Verfahren selbst physiologisch aktiv sein könnten. Dann wäre der Vergleich zu streng. David Colquhoun (University College London) und Steven Novella (Yale) ziehen 2013 den gegenteiligen Schluss: Akupunktur sei ein «theatralisches Placebo», der Zusatznutzen zu klein und zu flüchtig, um Patientinnen und Patienten zu helfen.

Die Daten selbst sind weniger umstritten als ihre Deutung. Die grossen Übersichten, die Meta-Analyse wie die Cochrane-Reviews, finden einen deutlichen Vorteil gegenüber Standardversorgung allein und einen kleinen gegenüber Schein. Für die Lehre, dass gerade die überlieferten Punkte entscheidend sind, sprechen die Studien kaum.

Sicherheit und Schweizer Regeln

Eine prospektive Beobachtungsstudie der Berliner Charité begleitete 229’230 Patientinnen und Patienten mit durchschnittlich zehn Sitzungen. 8,6 Prozent meldeten mindestens eine Nebenwirkung, meist Blutungen oder Blutergüsse (6,1 Prozent). 2,2 Prozent brauchten deswegen eine Behandlung. Zwei Personen erlitten einen Pneumothorax, also eine Luftansammlung im Brustkorb; eine kam ins Spital. Die Autoren werten ärztliche Akupunktur als relativ sicher. Die US-Behörde NCCIH warnt: Unsachgemäss ausgeführt, kann Akupunktur Infektionen, verletzte Organe und Schäden am Nervensystem verursachen.

In der Schweiz hat Komplementärmedizin Verfassungsrang. Am 17. Mai 2009 nahmen Volk und alle Stände den Artikel «Zukunft mit Komplementärmedizin» an, mit 67 Prozent Ja. Artikel 118a der Bundesverfassung verpflichtet Bund und Kantone, sie im Rahmen ihrer Zuständigkeiten zu berücksichtigen.

Ärztliche Akupunktur zahlte die Grundversicherung schon vorher. Sie blieb 2005 im Katalog, als das Innendepartement die übrigen komplementärmedizinischen Fachrichtungen strich. Seit dem 1. August 2017 sind die ärztlichen Fachrichtungen ohne Befristung Pflichtleistung. Artikel 4b der Krankenpflege-Leistungsverordnung knüpft die Akupunktur an eine Weiterbildung nach dem Fähigkeitsprogramm für Akupunktur und chinesische Arzneitherapie (ASA) des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF). Das Programm setzt einen Facharzttitel und 360 Stunden Weiterbildung voraus. 2015 zahlten die Krankenversicherer nach dem damaligen Tarif Tarmed 31,1 Millionen Franken für ärztliche Komplementärmedizin, davon 20,2 Millionen für Akupunktur.

Behandlungen durch nichtärztliche Therapeutinnen und Therapeuten gehören laut BAG in die Zusatzversicherung. Für sie gibt es einen eidgenössisch anerkannten Abschluss: Naturheilpraktikerin oder Naturheilpraktiker mit eidgenössischem Diplom, unter anderem in der Fachrichtung Traditionelle Chinesische Medizin.

Zum Mitnehmen

Was Sie daraus mitnehmen können

  • Bei chronischen Rücken-, Knie- und Kopfschmerzen zeigen grosse Studien einen Nutzen gegenüber üblicher Versorgung allein. Der Vorsprung vor Schein-Nadeln ist klein.
  • Qi und Meridiane sind Teil der Überlieferung. Die Studien messen Schmerz, nicht Qi.
  • Die Grundversicherung übernimmt Akupunktur nur bei Ärztinnen und Ärzten mit anerkannter Weiterbildung. Ob eine Zusatzversicherung Therapeutinnen und Therapeuten deckt, steht in der jeweiligen Police.
  • Akupunktur ersetzt keine Abklärung. Neue, starke oder unklare Schmerzen und jede Entscheidung über eine Behandlung gehören ins Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

  1. Vickers AJ, Vertosick EA, Lewith G, et al. Acupuncture for Chronic Pain: Update of an Individual Patient Data Meta-Analysis. J Pain 2018;19(5):455-474. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2017.11.005
  2. Haake M, Müller HH, Schade-Brittinger C, et al. German Acupuncture Trials (GERAC) for chronic low back pain: randomized, multicenter, blinded, parallel-group trial with 3 groups. Arch Intern Med 2007;167(17):1892-1898. https://doi.org/10.1001/archinte.167.17.1892
  3. Scharf HP, Mansmann U, Streitberger K, et al. Acupuncture and knee osteoarthritis: a three-armed randomized trial. Ann Intern Med 2006;145(1):12-20. https://doi.org/10.7326/0003-4819-145-1-200607040-00005
  4. Linde K, Allais G, Brinkhaus B, et al. Acupuncture for the prevention of episodic migraine. Cochrane Database Syst Rev 2016;(6):CD001218. https://doi.org/10.1002/14651858.CD001218.pub3
  5. Linde K, Allais G, Brinkhaus B, et al. Acupuncture for the prevention of tension-type headache. Cochrane Database Syst Rev 2016;(4):CD007587. https://www.cochrane.org/evidence/CD007587
  6. Witt CM, Pach D, Brinkhaus B, et al. Safety of Acupuncture: Results of a Prospective Observational Study with 229,230 Patients and Introduction of a Medical Information and Consent Form. Forsch Komplementmed 2009;16(2):91-97. https://doi.org/10.1159/000209315
  7. Colquhoun D, Novella SP. Acupuncture is theatrical placebo. Anesth Analg 2013;116(6):1360-1363. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23709076/ (Volltext beim Autor: https://www.dcscience.net/?p=6060)
  8. Gemeinsamer Bundesausschuss. Abschlussbericht Akupunktur. 2007. https://www.g-ba.de/downloads/40-268-487/2007-09-27-Abschluss-Akupunktur.pdf
  9. Bundesamt für Gesundheit. Ärztliche Komplementärmedizin. https://www.bag.admin.ch/de/arztliche-komplementaermedizin
  10. EDI/BAG. Änderungen der KVV und KLV betreffend Komplementärmedizin per 1. August 2017, Erläuterungen. Bern, September 2016. https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/kuv-leistungen/leistungen-und-tarife/aerztliche-leistungen/Komplement%C3%A4rmedizin/erlaeuterungen-aenderungen-kvv-klv-komplementaermedizin.pdf
  11. Bundesrat. Bundesratsbeschluss über das Ergebnis der Volksabstimmung vom 17. Mai 2009. BBl 2009. https://fedlex.admin.ch/filestore/fedlex.data.admin.ch/eli/fga/2009/1326/de/pdf-a/fedlex-data-admin-ch-eli-fga-2009-1326-de-pdf-a.pdf
  12. Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV, SR 832.112.31), Art. 4b, wiedergegeben im Online-Handbuch der Koordination der Sozialversicherungen. https://www.koordination.ch/de/online-handbuch/kvg/leistungen/aerztliche-leistungen/
  13. SIWF. Fähigkeitsprogramm Akupunktur, Chinesische Arzneitherapie, TCM (ASA) vom 1. Juli 2015, revidiert am 23. Juni 2017. https://fmh.ch/siwf/siwf/files/pdf19/fa_akupunktur_d.pdf
  14. OdA AM, Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz. https://www.oda-am.ch/
  15. NCCIH. Acupuncture: What You Need To Know. https://www.nccih.nih.gov/health/acupuncture-what-you-need-to-know
  16. MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise. Akupunktur (Stand Oktober 2025). https://www.msdmanuals.com/de/profi/spezielle-fachgebiete/integrative-begleitende-und-alternative-medizin/akupunktur